Das Kapostropheum

Die Kapostroph-Gruselgalerie

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Genitiv: 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18    Plural: 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17    Interpunktion: 1 2 3 4    Imperative: 1 2    Verbformen: 1 2    Diminutiv: 1    Kombipakete: 1 2    Fremdsprachen: 1 2    Ver(w)irrte Akzente: 1 2    Mehr wäre mehr: 1    Völlig willenlos: 1 2 3 4 5 6 7   


„Aber das ist ist doch (jetzt) erlaubt?“

Ein immer wiederkehrendes Thema beim Feedback, das mich zu dieser Site erreicht, läßt sich mit dem Tenor „Aber das ist doch jetzt erlaubt?“ zusammenfassen. Es erfolgen dann meistens Hinweise auf die neue Rechtschreibung oder darauf, daß dieses oder jenes laut Duden mittlerweile aber doch gestattet sei.

Ich gebe zu, daß hier einige Erläuterungen notwendig sind. Die Kriterien, denen zufolge hier Vorschläge als Exponate aufgenommen werden, sind nicht völlig an kauf- und nachlesbare Regeln gebunden wie etwa den Duden oder ein anderes sprachliches Nachschlagewerk, selbst wenn diesem das Attribut, amtlich und offiziell zu sein, zugeordnet ist.

Es sieht also so aus, als ob sich das Kapostropheum nicht nach aktuellen, kodifizierten, allgemeinen Deutschregeln richtet; und das ist in Details tatsächlich so. In den allermeisten Fällen sind hier aber tatsächlich schlichtweg falsche Sachen zu betrachten. Die Kriterien, die letztlich darüber entscheiden, ob ich ein Exponat aufnehme oder nicht, „überstimmen“ gelegentlich die aktuellen formalen Regeln.

Also nun ein paar speziellere Gedanken.

Die vermaledeite „Verdeutlichung“

Der Duden hat vor einiger Zeit die verhängnisvolle Faustregel aufgenommen, daß ein Genitivapostroph richtig sein könne: „Gelegentlich wird ein Apostroph gesetzt, um die Grundform eines Namens zu verdeutlichen“. Meiner Meinung nach haben sie sich damit gründlich in den Fuß geschossen und die Angelegenheit nicht vereinfacht, sonden vielmehr mit gehobener Verworrenheit ausgestattet.

Ohne das waren die Regeln nämlich eindeutig und nachvollziehbar: Kein Genitiv-s, außer bei auf in der Grundform auf s (oder ein vergleichbares akustisches Ereignis) endenden Namen, dort dann dahinter. Der Fall ist klar:

Andreas Imbiß gehört Andrea.
Andreas’ Imbiß gehört Andreas.

Mit dem Regelwerk habe ich auch bereits den Vorteil, daß ich Ausdrücke mit mir unbekannnten oder exotischen Namen, etwa „Beghelis Nachtlager“ dem Namen Begheli zuordnen kann, dank dieser Eindeutigkeit.

Klar, sauber, eindeutig, widerspruchsfrei. Was, zum Geier, gibt’s da also noch zu „verdeutlichen“? „Denkarbeit vermeiden“, das wäre die Pseudolegitimation, die korrekterweise in der Regel genannt werden müßte. Aber nein, der große Rumschludereffekt – aufschnappen, nachplappern, nicht denken – hat für Normierung gesorgt und als Logfile muß der Duden das dann auch protokollieren – daraus kann man ihm nicht mal so richtig einen Vorwurf formen.

Neinnein, hier wurde eine existierende, eindeutige, mit wenig Gehirnschmalz (aber doch ein bißchen) anwendbare Regel durch einen Gummiparagraphen ersetzt, bei dem – diese blumige Metapher sei mir gestattet – der Schuß auch in die andere Richtung nach hinten losgeht: Von einem gelegentlichen Verdeutlichungsgebrauch kann nämlich schon lange keine Rede mehr sein, ein explosionsartiger Fehlgebrauch in aber auch völlig eindeutigen Fällen ist die Regel. Man merke sich: Ausdrücke wie „Edmund’s Gurkentruppe“ oder „Roland’s Schuldenberg“ sind nicht durch diese Regel sanktioniert. Die Übersetzung von „gelegentlich erlaubt“ ist immer noch „grundsätzlich verboten, außer in Ausnahmefällen“. Insgesamt: Selbst unter Berücksichtigung dieser Dudenregel sind die allermeisten zu beobachtenden Genitivapostrophe also tatsächlich falsch.

Schlußfolgerung: Ich habe mich in dieser Ausstellung für die eindeutigen Regeln entschieden, weil sie ausreichen. Duden et al. werden vorsätzlich ignoriert. Punktum.

Diese Überzeugung findet sinngemäß auch beim Berühmtheiten-Apostroph („sch“ weglassen und man weiß, wie die Berühmtheit heißt, warum also ein Auslassungzeichen verwenden, wenn es nichts auszulassen gibt?) und rund um die vereinfachte Zusammenziehung von Verb und Pronomen (es wird eindeutig etwas ausgelassen, also warum sollte da ein Auslassungszeichen vielleicht hin oder auch nicht – statt eindeutig ja?) Anwendung.

In dubio contra reum

Dieser Teil ist schwieriger darzulegen. Daß die Kriterien, nach denen ein Exponat aufgenommen wird, nicht ausschließlich auf einem derzeit irgendwo niedergeschriebenen und aktuellen Regelwerk beruhen, steht ja schon oben. Dieses Projekt hat nicht zum Ziel, einfach „falsche“ Zeichensetzung zu sammeln und zu präsentieren, sondern dokumentiert eine zunehmend schneller werdende Verbreitung der Tendenz, mit Sprache, und letztlich nicht nur damit, gedankenlos und unreflektiert umzugehen. (Es gibt hierfür auch andere Beispiele, etwa den journalistischen Superlativ „der größte/längste/teuerste/beste … aller Zeiten“ [1] oder Kai Pflaumes unerreichbare Formulierung „Wenn Sie für Kandidat A punkten wollen, rufen Sie 01379-10000 plus die Wertung von eins bis fünf an.“ [2] Wahrscheinlich werde ich in mittlerer Zukunft damit anfangen, sowas auch noch zu sammeln.)

Die Ausstellung von Kapostrophen als einem der offensichtlichsten Symptome dieser Tendenz liegt in diesem Fall besonders nah und ist unkompliziert zu realisieren. Kapostrophe sind nicht der Kritikgegenstand, sondern dessen Symptom bzw. eines davon. Hierzu ausführlich mehr unter „Was soll das ganze?“.

Ganz kurz gesagt: hier kommen nicht die Dinger rein, die „offiziell falsch“ sind, sondern die, von denen ich glaube, daß sie der Gesamttendenz einer kritiklosen Nachplapperei entsprungen sind und insofern der Kultivierung von Wischiwaschi und Larifari entscheidenden Vorschub leisten – und das ist viel mehr der Kritikpunkt.

Damit nun ein fraglicher Kandidat im Umkehrschluß einer Aufnahme als Exponat an dieser Stelle entgeht, muß ich also infolgedessen eindeutig davon überzeugt sein, daß die konkrete, spezielle Anwendung oder Nichtanwendung eines Apostrophs die skizzierten Kriterien nicht erfüllt, ansonsten geht’s ab in die Ausstellung – im Zweifel gegen den Angeklagten.

Alte Rechtschreibung

Ich bin der Meinung, daß die neue Rechtschreibung ein paar interessante und nachvollziehbare Ansätze für eine konsistente Regelung der Schriftsprache aufbietet. Nun ist „konsistent“ ein Begriff aus der Logik und bedeutet, grob gesprochen, daß die vorhandenen Regeln widerspruchsfrei sind und ebensolche Schlußfolgerungen erlauben. Nun, genau das ist aber nicht der Fall; mit den genannten Ansätzen werden vielleicht einige Widersprüche entfernt, dafür ziehen andere Widersprüche ein. (Ich mache jetzt hier keine Linkliste zum Beleg dessen, bitte selber nachsehen.) Ach ja, und hier bitte den Hinweis verkneifen, die NR sei wenigstens „konsistenter“. Abgesehen davon, daß man das auch inhaltlich abstreiten könnte, ist ein logisch gemeintes Regelwerk entweder konsistent oder inkonsistent. Dazwischen gibt es nichts! „Konsistent“ ist nicht steigerbar, genausowenig wie „schwanger“, „optimal“ oder „tot“.

Es wird also ein inkonsistentes Regelwerk durch ein anderes ersetzt, dies entzieht aber einer auf Ratio basierenden Benutzung die Grundlage und egalisiert die Legitimation. Oder: Wenn das neue System Mist ist, gibt es keinen Anlaß, das alte nicht mehr zu benutzen, wenn das Argument gegen dieses lautete, daß es Mist gewesen sei.

Und wie ich schon mal sagte, einem Philipp kann man nicht mit einem Delfin kommen.

Die Dynamik der Sprache

Ganz gelegentlich wird auf die grundsätzliche Sinnlosigkeit meines Unterfangens hingewiesen, schließlich befände Sprache sich in einer steten, dynamischen Entwicklung und man könne sie nicht ein- für allemal einem festen Regelwerk unterwerfen.

Die erste Entgegnung ist ein resigniertes Seufzen: Das ist nicht mein Unterfangen! Bitte nochmal alles lesen, und zwar sowohl den Abschnitt „Was soll das eigentlich?“ auf der Homepage, den Essay „Was soll das ganze?“ als auch diesen Text hier. Ich verspreche Erleuchtung.

Und die Sache mit den Windmühlen habe ich schon vor langer Zeit auf der Klugscheißer-Homepage erwähnt. Die Richtung der bewußten Dynamik und ihre Ursachen müssen mir aber nicht gefallen, und solange kann ich hier hier auch rumstänkern und mich dagegenstemmen. Nufta. Ich weiß ja, daß ich nicht alleine bin.

Fußnoten

  1. „Alle Zeiten“ bedeutet Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft! Etwas so zu charakterisieren, bedeutet, ihm den bewußten Superlativ zuzuerkennen und gleichzeitig die Überzeugung zum Ausdruck zu bringen, daß sich das niemals mehr ändern wird. Das dürfte in den allermeisten Fällen anzuzweifeln sein, dann klingt es aber nicht so martialisch, offenbar eine labertechnische Todsünde.

  2. Was Kai Pflaume sagen wollte, aber außerstande war, zu formulieren, ist folgendes: „Wenn Sie für Kandidat A Punkte vergeben wollen, wählen Sie 01379-10000 und anschließend die Ziffer mit Ihrer Wertung.“ Punkten, d. h. Punkte sammeln tut nämlich der Kandidat und nicht der Anrufer. Und „10000 plus die Wertung“ würde bei einer Wertung von fünf 10005 bedeuten und nicht 10000-5, wie es gemeint war.